blogage.de > DerSpringer > springerpresse.de
  Anmelden | Login

 

Vom „Spice“-Girl zum Versuchskaninchen

Warum die angebliche Biodroge „Spice“ so gefährlich ist

Als Valeska S. (24) an diesem Abend mit letzter Selbstbeherrschung die Badezimmertür öffnet, ist sie sicher, jeden Augenblick sterben zu müssen. Das Gesicht im Spiegel: blutleer -  die Haut: plötzlich wieder mit all den Windpockennarben aus dem Kindergarten - die Pupillen: zwei große schwarze Brandlöcher. Vorsichtig noch das Herz bis an den Toilettenrand balanciert, damit der zuckende Knoten nicht kollabiert, dann lässt sie der Brechreiz zusammensinken. Das rettende Telefon auf dem Wohnzimmertisch ist in unerreichbare Ferne gerückt, das Leben zusammengeschrumpft auf den Geruch von General Bergfrühling und den furchtbaren Film in ihrem Kopf: Dass sie es wohl verdient habe, so zu enden, dass das auch ihre Eltern sagen werden, wenn ihnen der Hausmeister in ein paar Wochen die Türe aufsperrt, und später die Spurensicherung die kleinen Folientütchen in ihrer Handtasche findet...

Landesweit werden Drogenberatungsstellen derzeit mit Schilderungen solcher Horrortrips wie jenem der jungen Kölner Sprachstudentin überrollt. Die Ursache ist immer die gleiche: „Spice“ - eine vorgebliche Biodroge aus Großbritannien, die mit einer cannabisähnlichen Wirkweise wirbt und seit ihrer Bekanntheit nicht aus den Schlagzeilen gerät. Wochenlang spekulieren Medien zunächst über das Geheimnis der ausgewiesenen „Kräutermischung“, verzweifeln Behörden an ihrem legalen Verkauf ohne Altersbeschränkung, und werden Neugierige wie Valeska S. nicht selten von ihrer potenten Rauschwirkung auf dem falschen Herzschlag erwischt.

Selbst bei Heroinabhängigen überdröhnt die neue Modedroge Entzugssymptome

Auch bei Heike Krause vom Drogennotdienst Berlin steht seit Dezember das Telefon nicht mehr still: „Wir erhalten täglich Anrufe besorgter Erstkonsumenten, die mit der Wirkung des Produkts überfordert sind.“ Denn „Spice“ wirke unvorhersehbar, bei jedem Konsumenten anders: „Manche berichten von gar keiner Wirkung, andere sprechen von einem Marihuanarausch ohne Nebenwirkungen wie tränenden Augen.“ Und ein beachtlicher Teil der Konsumenten klage wiederum über Vergiftungssymptome wie Kreislaufbeschwerden, Schwindel, Übelkeit bis hin zu Angstattacken.

Da „Spice“ zunächst in der Kifferszene für Furore sorgte, und von Konsistenz, Farbe und Konsum Cannabis sehr ähnelt, hielten viele Experten zunächst einen Placeboeffekt für möglich. „Doch dann“, so Heike Krause, „erreichten uns Berichte, dass sich Heroinabhängige in Therapieeinrichtungen gegen Entzugserscheinungen mit Spice eindeckten – bei solchen Fällen ist nicht mehr viel mit Placebo...“ Das starke Interesse der Bevölkerung an Spice überrascht die Drogenberaterin kaum: Sie sieht Spice vielmehr in der Tradition einer ganzen Reihe obskurer Mittelchen, die zunächst nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fielen und deren Wirkung von der Klientel prinzipiell unterschätzt würde – vor ein paar Jahren hätten die Leute noch mit der Mittelalterdroge Tollkirsche experimentiert, später mit als „Video-Tonkopfreiniger“ deklarierten Poppers aus dem Supermarkt, zuletzt waren es die sogenannten kubanischen „Zauberpilze“.

Die Packungsangaben sind eine Lüge, der Inhalt ein weitgehend unerforschtes Risiko

Nach ihrem Schock-Erlebnis wollte Valeska es genauer wissen. Was hatte sie so schnell in die Knie gezwungen? Als Raucherin hatte sie gedacht, die Wirkung der Droge halbwegs vorausahnen zu können. Eine Packungsbeilage oder Dosierungsanweisung? Fehlanzeige. Auf der Rückseite der Spice-Päckchen fand sie lediglich eine Liste diverser Kräuter mit wohlklingenden Namen wie „Sibirischer Löwenschwanz" oder "Blauer Lotus". Tatsächlich wurde aber bis heute bei Stichproben keine Übereinstimmung mit den angegebenen Pflanzen gefunden, geschweige ein Indiz dafür, dass es sich um mehr als ein einziges Kraut handelt. Eine Marketinglüge also. Doch welchen wahrhaft kriminellen Energien sie ausgesetzt war, ahnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Professor Dr. Thomas Daldrub vom Düsseldorfer Institut für Forensische Toxikologie hat als einer der ersten Spice chemisch unter die Lupe genommen. Vor gedankenlosem Konsum wie bei Valeska S. kann er nur warnen: „Langzeitwirkungen und Suchtpotential von Spice stehen derzeit noch überhaupt nicht fest. Entsprechende Daten hat man erst nach 4-6 Jahren kontrollierter Forschung. Solange sind die neuen Produkte ein unkalkulierbares Risiko.“ Da sich Spice aber wie Nikotin inhalativ konsumieren lasse, flute es sehr schnell im Gehirn, genauer im Dopaminergen-System an. Und Psychologen wissen schon lange: Je schneller eine Droge nach Konsum ihre berauschende Wirkung entfaltet, desto intensiver ist tendenziell ihr Suchtpotential. Als Daldrubs Team hohe Dosen von Vitamin E in den Spice-Proben fand, war man zunächst stutzig. Das konnte unmöglich die Rauschursache sein. „An die Möglichkeit, dass jemand so dreist sein würde, damit künstliche Drogenstoffe an die Kräuter zu binden, sowas wollten wir uns zunächst nicht vorstellen...

Hinter einem Bio-Märchen steckt die Realität chemischer Designerdrogen aus dem Labor

Auch Valeska saß bis zu ihrem Absturz dem „Bio“-Mythos auf, der in den ersten Wochen von den Medien gebetsmühlenartig wiederholt wurde. Dabei ist es in der Szene überhaupt kein Geheimnis, dass Laboren seit den 80er-Jahren etwa 100 synthetische Substanzen zur Verfügung stehen, die allesamt psychoaktiv wirken und dadurch einen Marihuana-Rausch simulieren und übertreffen können. Nach dem Prinzip des Baukastensystems können skrupellose Geschäftemacher so völlig unwirksame Bioprodukte mit künstlichen Drogenstoffen versetzen und das ganze dann scheinbar legal auf den Markt werfen. Wirklich legal? Keineswegs, denn wer beispielsweise künstliche Cannabinoide einer Kräutermischung beifügt, ohne dies auf der Packung auszuweisen, verstößt in Deutschland direkt gegen das Arzneimittelgesetz.

Dem Arzneimittelhersteller THC-Pharm aus Frankfurt gelang es Mitte Dezember, erstmalig eine solche Designerdroge in ihren Spice-Proben nachzuweisen. Es handelt sich um die Substanz mit der kryptischen Bezeichnung „JWH-018“, ein Betäubungsmittel, das mindestens viermal stärker wirkt als "Delta-9-THC", der natürliche Wirkstoff von Marihuana. „Für uns sah es in der Analyse so aus, als wären die großen Mengen Vitamin E dem Spice einfach nur beigegeben worden, um uns als Forscher auf die falsche Fährte zu locken, einen künstlichen Peak zu erzeugen, der nur allzu gern als Ursache ins Auge springen würde“, erinnert sich Holger Rönitz, Geschäftsführer der THC-Pharm. Zwar docke die Droge an den Cannabinoid-Rezeptoren an, wie sie in Bereichen des Gehirns wie dem Hippocampus, dem Kleinhirn und dem Neocortex zahlreich sind, und beinflusse so das für unser natürlich motiviertes Verhalten verantwortliche Dopaminsystem, aber durch ihre andersartige Struktur würden die üblichen Drogentests alle negativ ausfallen.

Probiert hier etwa jemand in Erwartung einer strengeren Gesetzgebung z.B. bezüglich Coffeeshops oder "Kiffen am Steuer" eine ganze Käuferschicht testweise auf synthetisches Gras umzupolen? Holger Rönitz, dessen Firma seit 1998 selbst das THC-Derivat Dronabinol für den pharmazeutischen Markt herstellt,  bezeichnet den Verkauf von Spice und Konsorten zumindest als einen unkontrollierten und riskanten Feldversuch. „Ich will mir nicht vorstellen, was mit einem Kleinkind passiert, dass die hochwirksamen Verbindungen über den Rauch aufnimmt.“

Die Hersteller werden in wenigen Wochen steinreich, die Kunden evtl. psychisch krank

Diese Erkenntnisse über den Versuchskaninchen-Status der Spice-Käufer reichten aus, um in kurzer Folge dringende Warnhinweise des BKA, des Bundesamtes für Risikobewertung und ein Eilverfahren der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt zum Verbot von Spice und seinen Wirkstoffen auf den Weg zu bringen. Doch noch bevor dieses in Kraft trat, schlugen Freiburger Toxikologen im Januar erneut Alarm: Am Institut für Rechtsmedizin hat man vergleichsweise wenig „JWH-018“ in den Proben gefunden, dafür aber in tagelanger Kleinarbeit eine noch weitaus aggressivere Substanz herausgefiltert: „CP-47,497“ - so der Name des eigentlichen Hauptwirkstoffs - ein sogenanntes "Cannabimimetikum" (an Cannabinoid-Rezeptoren andockender Stoff), das ursprünglich vom Pharmariesen Pfizer entwickelt wurde, aber nicht patentiert ist. Jeder größere Chemiehändler hat es im Sortiment.

Wir müssen mittlerweile wirklich von Designer-Cannabinoiden sprechen, analog zu den Designer-Amphetaminen wie Ecstasy, wenn es um Produkte wie Spice geht“, zeigt sich Prof. Dr. Weinmann schockiert. „Diese Stoffe sind mit ausgeklügelten Laboren problemlos herzustellen und abzuwandeln. Während wir noch in der Analyse stecken, können die Hersteller schon den nächsten Stoff beigeben, und uns so immer einen Schritt voraus sein. Die Suchtwirkung ist mindestens so stark wie bei Cannabis.“ Die Unterschiedliche Dosierung von JHW-018 und CP-47,497 legt tatsächlich den Schluss nahe, dass die Produzenten nach dem Rotationsprinzip die Kunden an den nächsten Stoff gewöhnen würden: Für eine reibungslose Gewöhnung der Kunden wird ein Stoff nicht plötzlich ausgetauscht, sondern nach und nach in der Dosis durch den nächsten abgelöst.

Auch für das Rätsel der hohen Vitamin-E-Dosen hat Weinmann eine Erklärung: „Dieser Stoff wird in der Industrie als Konservierungsmittel verwendet, vermutlich soll er verhindern, dass die künstlich beigegebenen Substanzen nach Tütchenöffnung zu schnell mit dem Luftsauerstoff reagieren.“ Da beide Stoffe hoch psychoaktiv wirken, besteht besonders bei den Gehirnen von Jugendlichen in der Pubertät die Gefahr falscher synaptischer Verkettung und des plötzlichen Ausbruchs von Schizophrenien. Risiken, die man auf Herstellerseite offenbar bewusst in Kauf nimmt, denn – so Weinmann - „Diese Leute sind innerhalb weniger Wochen zu Millionären geworden.

Nachfolgerprodukte wie "Space" stehen schon in den Startlöchern

Noch kein Millionär ist Jürgen W. (Name geändert), bei dem Valeska nach Unischluss das Tütchen mit dem Aufdruck „Arctic Synergy“ erstanden hat. Er besitzt einen Headshop im Kölner Umland und möchte lieber anonym bleiben. Schlechte Erfahrungen mit der Presse habe er gemacht: „Die haben das so dargestellt, dass sich quasi nur Kinder hier mit Drogen versorgen“, sagt er verächtlich. „Dabei sind die Jugendlichen offen gesagt die kleinste Käufergruppe von Spice.“ Seit drei Wochen hat er die Modedroge nicht mehr im Sortiment. Vorher hätten sie ihm vor allem ältere Leute, die vor Jahrzehnten gekifft hätten, aus den Händen gerissen - Menschen, die aus beruflichen Gründen kein THC zu sich nehmen dürften, Sportler, sogar Polizisten, oder auch Leute völlig ohne Drogenerfahrung, die froh darüber waren, mal eine legale Alternative zu Hasch ausprobieren zu können. „Die Wahrheit ist, dass die Jugendlichen lieber bei normalem Marihuana bleiben, das kriegen sie hinterher geworfen, und es ist auch günstiger.“ Drei Gramm „Spice Gold“ kosten in seinem Laden immerhin 25 Euro, vier Euro über dem Preis für die gleiche Menge Gras.

Dass sich das Ganze nun für Kunden wie Valeska als Experiment mit der eigenen Gesundheit herausgestellt hat, ärgert ihn besonders: „Der Hersteller "Psyche Deli" aus London hat uns alle über den Tisch gezogen. Die haben den Großhändlern gesagt, die Wirkung käme nur über die Mischung einzelner Kräuter zustande.“ Da niemand das Geld für Untersuchungen hat, müsse man dem Hersteller da erstmal vertrauen. Und dann holt er tief Luft und setzt an zu einer jener Reden, die wie eine Schallplatte von 1968 klingen, und meint, an den ganzen künstlichen Drogenstoffen sei die Bundesregierung schuld, weil sie Gras damals unter Aufsicht hätten legalisieren müssen. Gäbe es kontrollierten Anbau, hätte man heute keine genmanipulierten Sorten mit schwindelerregendem THC-Gehalt und auch keine risikoreichen Ersatz-Psychoaktiva aus dem Labor.

Er findet es richtig, dass seit dem 22. Januar Spice und seine Wirkstoffe in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, Besitz und Verkauf verboten sind. Neue Produkte mit den Namen „Space“, „Sense“ und „Smoke“ stünden aber schon in den Startlöchern. Auch habe der Hersteller versichert, dass es wieder „ordentlich knallen“ würde, die Wirkung jedoch nur über die Kräutermischung zustande käme – ehrlich jetzt. Valeska S. wird in Zukunft trotzdem die Finger von den neonfarbenen Tütchen lassen. „Wer weiß, was mich beim nächsten Räucherwerk erwartet“, scherzt sie. „Vielleicht sehe ich dann Sandwürmer aus meinem Badezimmerteppich auftauchen.“ „Wer das Spice hat, hat die Macht“, heißt es in David Lynchs Film „Dune – Der Wüstenplanet“ von 1984. Doch Valeska ist nun klar: Wer das Spice macht, hat das Geld. Wer das Spice hat, macht sich krank.

__________________________________________________________

Bild: "Girl Smoking in a Room" by "This is a wake up call", Flickr.com, CC-Lizenz

Seiten:«Vorherige1, 2, 3, 4, ... 17 Nächste»